Das Licht der Dunkelheit
 
 
Hugh warf einen letzten Blick auf seine geliebte Solarfunkuhr, von der er wußte, daß viele Menschen des 21. Jahrhunderts sie als altmodisch empfunden hätten. Alt war sie, er hatte sie von seinem Vater bekommen, als er 18 war, und dieser von seinem. Hugh würde wohl der letzte Träger dieser Uhr sein, denn sein Sohn zeigte mehr Interesse an den modernen, sprechenden Modellen mit 3-dimensionaler Anzeige - wie gerne er jetzt bei seiner Familie wäre. Aber es gab wichtigere Aufgaben für einen Gravitonphysiker wie ihn, vor allem jetzt. Seine Uhr zeigte 03:57 Greenwich Standard Time, also noch knapp 3 Minuten bis zur "Stunde Null". In 3 Minuten würde der größte Militärschlag aller Zeiten beginnen. Hugh erinnerte sich zurück: vor zwei Jahren war er der Organisation beigetreten, die es sich zum Ziel gesetzt hatte, die Regierung zu stürzen. Damals hatte er Zweifel gehabt, ob seine Entscheidung richtig gewesen war. Aber im Verlauf der letzten Jahre hatte er genügend Zeit gehabt zu erleben, wie diese sogenannte "Demokratische Einheitliche Weltregierung", kurz DEW, vorging, wenn keine Reporter der "Einheitlichen Welt Presse" in Sichtweite waren. Die Macht der DEW stützte sich entgegen ihrer andauernden Beteuerungen nicht auf die Unterstützung des Volkes, sondern auf die Schlagkraft ihrer Vernichtungswaffen. Sämtliche Armeen aller Länder unterstanden direkt dem Verteidigungsrat der DEW, jeder offene friedliche oder militante Widerstand wurde sofort im Keim erstickt. Darin lag die größte Stärke dieser Regierung, aber, wie die Organisation Hugh erklären konnte, auch ihre größte Schwäche. Denn nahm man der DEW ihre Waffen, so nahm man ihr auch die Macht. Führende Wissenschaftler der letzten freien Universitäten hatten dies rechtzeitig erkannt und begannen, einen Plan auszuarbeiten, wie das gesamte Waffenpotential aller Armeen in einem Schlag zu vernichten sei ... Seine Gedanken kehrten schlagartig zum akuten Geschehen zurück, als die Alarmfunktion seiner Uhr ansprach. Es war 04:00, die Stunde Null hatte begonnen. Hugh begann die nötigen Schaltungen vorzunehmen. Obwohl er die Handbewegungen schon unzählige Male in Simulationen angewendet hatte, war seinen Fingern doch eine gewisse Nervosität anzumerken. Dies war kein Training, dies war die Wirklichkeit. Ein Fehler in den Einstellungen des Planckschen Konverters, und die Gravitationsbombe würde ... er wagte es nicht, diesen Gedanken weiterzuführen, und konzentrierte sich wieder auf seine Aufgabe. Er mußte alles richtig machen, denn nur so würde die Bombe gerade ausschließlich die Atome aller waffenfähigen Materialien vernichten und den Rest der Schöpfung unangetastet lassen. Er kontrollierte ein letztes Mal die Einstellungen. Um 4:04 des 17. Märzes 2036 drückte er den roten Knopf und hielt die Luft an. In Gedanken verfolgte er die Prozesse, die jetzt in den wissenschaftlichen Orbitalstationen 36000 km über der Erde ablaufen mußten. Durch die Implosion eines 5-dimensionalen Gravitonfeldes würde ein Impuls von allen Seiten auf die Erdoberfläche rasen, der sämtliche Waffen vernichten würde, auch die Ozonbomben, die bisher wohl gewaltigste Perversion menschlicher Vernichtungskraft. Dies bedeutete jedoch leider auch die Zerstörung der schützenden Ozonschicht, die nach dem Klimakollaps von 2013 in jahrzehntelanger Arbeit wieder aufgebaut worden war und gerade erst wieder ihren Sollwert erreicht hatte. Die Wissenschaftler wußten um diesen Nachteil, als sie die Waffe entwickelten, aber die Freiheit der Menschen forderte zu jeder Zeit ihren Preis. Außerdem, so wußte Hugh, arbeitete wohl eine zweite Gruppe von Wissenschaftlern an einer Möglichkeit, die Ozonschicht schneller und besser zu regenerieren. Mehr wußte Hugh jedoch nicht, da dies wohl eher dem Fachgebiet der Mesonphysik zuzuordnen war, wovon er beim besten Willen keinen blassen Schimmer hatte. Wieder fiel sein Blick auf die Uhr, 4:06, der Impuls mußte jeden Moment die Erdoberfläche erreichen; nun würde sich zeigen, ob ihre Berechnungen korrekt waren, oder ob die Erde ... Als nach mehr als 2 Minuten nichts passiert war, lehnte sich Hugh zurück und schloß erleichtert die Augen.
 
 
Garry warf sich auf das Gel-Sofa. Er hatte einen anstrengenden Tag gehabt. Die Arbeit eines Pyrotechnikers war keine Erholung. Garry hatte sich einmal vor langer Zeit gewundert, wieso die Ingenieure, die sich mit der direkten Nutzung der Sonnenenergie beschäftigten, die Vorsilbe Pyro erhielten. Er hatte einen Bekannten, einen Moderngeschichtler, gefragt, der ihm sagte, dies müsse wohl im altenglischen Dialekt irgendeine Beziehung zu Hitze oder Feuer gehabt haben. Aber im Moment war ihm die Bedeutung dieses Begriffes völlig egal, solange er zumindest für den restlichen Abend von ihr verschont bleiben würde. Er trank einen Schluck seines Lieblings-Hydro-Biers und schaltete durch einen konzentrierten Gedanken in Richtung des Wohnzimmerschranks das TriVideo-Gerät ein. Ein 3-dimensionaler Würfel erschien mitten im Raum, und er mußte sich zum wiederholten Mal daran erinnern, daß die Fußballspieler, die ihn immer wieder fast umzulaufen schienen, nur holografische Projektionen waren. Sie waren irreal, ohne Materie, aber wirkten doch so täuschend echt. Er konnte sich noch gut an seine Kindheit erinnern, in der man entweder einen Helm tragen mußte oder nur 2-dimensionale Abbildungen zu sehen bekam. Ach ja, damals, 2034, als er gerade die Schule beendet hatte, da war alles noch so überschaubar und ruhig gewesen, aber die Zeiten hatten sich geändert, und Garry hatte nicht das Gefühl, er könne mit der immer rasanter werdenden Entwicklung des späten 21. Jahrhunderts mithalten. Er duckte instinktiv seinen Kopf, obwohl er wußte, daß der Ball, der direkt auf ihn zugeflogen kam, nur ein Bild war. "Tooooooooor!" schallte es um ihn herum, und er hatte einen Moment den überwältigenden Eindruck, inmitten des Schwerelosigkeits-Feldes im Merkur-Stadion zu stehen, das sich, wie wohl nur wenige der Zuschauer wußten, in Wirklichkeit gar nicht in einem Orbit um Merkur, sondern unter dem Sandboden der Wüste Ghobi befand. Bei der Vorstellung, wie leicht sich doch die Menschen von ein paar Computertricks reinlegen ließen, mußte Garry schmunzeln. Seine Gedanken wurden durch einen schrillen, beinahe schmerzenden Pfiff unterbrochen. Das Spiel war zu Ende, nach der neuesten Planet-Tours Werbung erschien das vertraute Logo der Tri-News, ein großes T, daß in einer den Augen unmöglich erscheinenden Weise um ein 3-dimensional rotierendes N gespannt war. Dann schwebte das Gesicht von Garrys Lieblingsnachrichtensprecherin im Raum und begann zu sprechen: "Wir übertragen nun live die Ankunft des juntasischen Botschafters, der stellvertretend für alle galaktischen Völker über einen Beitritt der Menschheit zum Galaktischen Bund verhandeln wird." Vor Garry erschien ein großes, eiförmiges Raumschiff, das auf die Erde zuschwebte. Wie immer fröstelte Garry ein wenig bei dem Eindruck, ungeschützt inmitten vom Nichts zu hängen. Seine jahrelange Arbeit auf dem Merkursonnensatelliten hatte seine Verhaltensmuster gründlich beeinflußt. Wenn er zu Hause auf der Erde war, kostete es ihn schon Überwindung, auch nur ein Fenster zu öffnen, da er immer das Vakuum des Weltraums draußen vermutete. Gerade schwebte das Raumschiff auf den Ozon-Schirm zu. Dieser Schirm war, so wußte Garry, 2037, ein Jahr nach dem Sturz der DEW, errichtet worden, um die zerstörte Ozonschicht zu ersetzen. Er war für harte Strahlung und für jegliche Form von Materie fast undurchdringbar, bot also als Nebeneffekt sogar einen Schutz gegen kleinere Asteroiden und Meteoriten. Der Nachteil war jedoch, daß für jedes Schiff, das die Erde anflog oder von ihr starten wollte, eine Strukturlücke geschaltet werden mußte, so daß der Schirm in einem recht eng begrenzten Bereich zusammenbrechen würde. Genau dies mußte unzweifelhaft in wenigen Augenblicken passieren, denn das juntasische Schiff bewegte sich mit großer Geschwindigkeit auf den Schirm zu. Geblendet schloß Garry die Augen, als sein Wohnzimmer sich für einen kurzen Moment in einen Lichtblitz verwandelte. Eine halbe Sekunde später hatte die Automatik des TriVideo-Gerätes die Helligkeit wieder heruntergeregelt, und Garry schaute voller Entsetzen auf den nun gedämpft roten Feuerball in der Mitte seines Wohnzimmers. "Das Schiff muß mit dem Schirm kollidiert sein!", schoß es ihm durch den Kopf. Aber das konnte nicht, das durfte nicht passieren. Es hatte noch nie einen Fehler im Strukturschleusensystem gegeben, sah man einmal von den anfänglichen Problemen in den ersten Jahren nach der Errichtung ab. Das Bild wurde durch das nun recht bedrückt wirkende Gesicht der Nachrichtensprecherin abgelöst.
Mit erschütterter Stimme begann sie zu lesen: "Soeben erreicht uns eine Nachricht vom Hauptquartier des Terranischen Oberkommandos. Der Galaktische Bund hat am 28. Juni 2065 um 17:38 Erdzeit der Menschheit wegen des Zwischenfalls mit dem juntasischen Botschafter den Krieg erklärt. Nach 120 Jahren relativen Friedens steht der Menschheit nun [...]" Garry ließ die Sprecherin nicht ausreden und schaltete mit einem kurzen Gedankenimpuls das TriVideo-Gerät ab. Das letzte, was ihm heute zu seiner Feierabendstimmung gefehlt hatte, war die Aussicht auf einen galaktischen Krieg. "Nein!", beschloß er, er würde sich seine Laune nicht verderben lassen, komme was wolle.
 
 
ICH war sich seiner Existenz bewußt, es war sich auch der Existenz vieler anderer ICHs bewußt, doch viel realer und greifbarer erschien das WIR. In Bruchteilen eines zeitlosen Intervalls berührte es alle Punkte des Universums und bewegte sich vom Anfang des Universums zum Ende und wieder zurück. Mit einem kurzen Gedanken erschuf es das Universum neu und sah es gleichzeitig in sich zusammenstürzen. WIR war sich in einem kleinen Teil seines Bewußtseins darüber im klaren, daß es nicht immer so gewesen war. Aber es konnte nicht sagen, wann das Urvolk den Übergang von der Beschränktheit der 4-dimensionalen Existenz in die geistige Daseinsform aller 11 Dimensionen geschafft hatte. Vielleicht vor einigen Sekunden, vielleicht aber auch schon vor Jahrmillionen. Irgendwie war das aber auch egal, wie so vieles andere auch, was vorher wichtig schien. Gut und Böse hatten sich in ihm vereinigt und ineinander verloren. WIR war der Anfang und das Ende, Neuentwicklung und Urgrund, Macht und Ohnmacht, Liebe und Haß - alle Widersätze hatten sich in ihm gesammelt und gegenseitig ausgelöscht. Für einen Moment fühlte das WIR, wie an einem Punkt des Universums in einer kurzen Zeitspanne sich ein Volk von den Anfängen des Lebens bis zum Ende ihres Muttergestirnes und der Vernichtung ihres Heimatplaneten entwickelt hatte. Vielleicht war dies das legendäre Urvolk, die Menschheit, gewesen. Aber dieser Gedanke war zu schnell vorbeigeglitten, um nachhaltig Eindruck zu machen; er war nur noch eine kleine, langsam verlöschende Kerze auf dem Hintergrund des Bewußtseins, nicht mehr zu erkennen durch das alles umgebende Licht der Dunkelheit.
 
 
Michael erwachte mit einem Ruck aus seinem Tagtraum. Mühsam versuchte er seine Augen zuerst auf die Uhr an seinem Handgelenk, danach auf den Kalender an der Wand zu richten. Sein Blick war verschwommen, und es bereitete ihm Mühe, die Dinge scharf zu sehen. Er schloß kurz die Augen und versuchte es noch einmal. Er erschrak: es war Viertel nach fünf am 24. August 1996, diesmal hatte es also über 24 Stunden gedauert. Mit einem resignierendem Seufzer ließ er sich zurück in den Sessel fallen. Seit fast 3 Monaten plagten ihn nun schon diese schrecklichen Halluzinationen, aber noch nie waren sie so lang und stark gewesen wie heute. Zuerst hatte er sie auf seinen Drogenkonsum zurückgeführt, aber mittlerweile fragte er sich, ob es nicht Visionen einer möglichen Zukunft seien. Während sein Blick durch das Appartment-Fenster auf die Häuserfronten der gegenüberliegenden Seite der Fifth Avenue fiel, schwor sich Michael Nostrada, etwas dagegen zu unternehmen. Als er bei seinem Psychiater angekommen war, hatte er schon fast wieder alles vergessen, nur ein Begriffspaar schwirrte durch seinen Kopf. Was zum Teufel war das "Licht der Dunkelheit"?
 
 
(c) 1996 by Jan Peter Schneider-Kamp
 
 


I HOPE YOU LIKED THIS STORY AS MUCH AS I DO! BY THE WAY:
IT WAS AN ENTRY FOR THE BRIGITTE-VON-ARNIM-PREIS-1997,
BUT, HEY, SOMEBODY ELSE WON THE PRIZE ;-)
 
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